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März 2019, 14:00 Uhr: Absprache für ein Gespräch mit Optikermeister Renken in Hamburg. Gespräch, das in mir nachwirkt, Spuren hinterlassen hat. Ich bin noch sicherer: Nur mit Dialog ist eine Veränderung in ein Wir möglich. (Hier kannst du lesen, warum ich das für eine gute Idee halte.).

In mir hat eine Veränderung stattgefunden: Dadurch, dass ich besser verstehe, dadurch, dass sich zwei Menschen begegnet sind, dadurch, dass ich meine eigenen Bilder aufräumen und mein Wissen auf den Prüfstand stellen konnte.

Ganz sicher ist mein Respekt vor diesem Beruf noch gestiegen.

An diesem Ort kann ich wertvolle Informationen weitergeben.
Ein großer Teil der Kraft kommt aber für mich aus unserem Dialog, dadurch, dass ich erleben konnte, welche Freude, welch tiefgehendes Interesse und welches weitgehendes Fachwissen hinter dem liegt, was mir immer als Routine erschien.

Im Folgenden zitiere ich Ausschnitte aus unserem Gespräch.

Gestartet bin ich mit zwei offenen Fragen:

  1. Was macht die Arbeit mit hochgradig Kurzsichtigen anders? (Gibt es da überhaupt etwas?)
  2. Gibt es etwas, was Sie sich von uns wünschen würden?

Meine Hypothesen:

  1. Wir sind nicht besonders beliebt, weil unsere Untersuchungen so viel aufwändiger sind und wir mit einem Rucksack voller Emotionen kommen.
  2. Wir sind kompliziert, fachtechnisch gesehen.

Zumindest bei Herrn Renken lag ich mit meinen Hypothesen völlig daneben.

A: Was macht die Arbeit mit hochgradig Kurzsichtigen anders?

R.: Für diese Gruppe, für die Sie hier ja sprechen, muss ich hohes fachliches Wissen haben, Geduld und Verständnis mitbringen. Ansonsten ändert sich eigentlich nicht viel, außer, dass mehr Zeit nötig ist, dadurch, dass mit der Messbrille gemessen wird für höhere Genauigkeit.
(Anmerkung: Die Werte, die mit dem Phoropter gemessen werden, weichen bei uns durch den Abstand zum Auge ca. um 0,5 dpt ab.)

A: Ich habe doch auch die Idee, eine besonders anstrengende Kundin zu sein, weil die Messungen so lange dauern, weil ich auch mal emotional bin…

R: Nein, gar nicht. Menschen, die wirklich eine Sehbehinderung haben, sind ja so Einiges gewohnt und notgedrungen erfahrene Kunden. Natürlich muss ich auch ein wenig Verständnis haben für die Situation. (Lacht) Manchmal sind die schwierigsten Kunden Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Lesebrille bekommen.

Jemand, der hochgradig kurzsichtig ist, dabei noch 100% oder mehr Sehleistung hat und keine weiteren Schäden, fordert mich fachlich mehr. Ich muss dann sehr viel feiner ausmessen, weil dieser Kunde natürlich alle Nebeneffekte sehr viel stärker wahrnimmt.

A.: Wie kommt es, dass eine Brille manchmal nicht zu stimmen scheint?

R: „Hier gibt es verschiedene Ursachen. Ein Klassiker ist eine Veränderung der Werte insbesondere im Bereich Hornhautverkrümmung. Dann ist das Bild des neuen Glases zwar schärfer und richtig, aber bei einer Hornhautverkrümmung ändert sich ja auch perspektivisch etwas. Das ist so, als wenn Sie beim Fernseher unterschiedliche Bildformate einstellen. ..und so etwas Ähnliches passiert durch den Astigmatismus auch. Ist diese Differenz mehr als eine halbe Dioptrie, haben viele Menschen Anpassungsschwierigkeiten.

Dann kann es sein, dass die Brille zwar stimmt, man sie aber nicht verträgt.

Sehen ist hochgradig subjektiv

Sehen ist subjektiv. Wir konstruieren ja das Sehen. Dass wir überhaupt sehen können ist schon fast nicht erklärbar. Optisch gesehen ist eine Ritsch-Ratsch-Klick Kamera besser in der Abbildung.

Das ziemlich gute Bild von der Welt, das wir haben, macht eigentlich unser Gehirn. Das merzt auch Fehler aus – und muss sich eben auch an alle Veränderungen gewöhnen. Sehen ist ein Großteil wirklich Gehirn und damit sehr, sehr individuell.

So wie die Menschen unterschiedlich sind, so ist diese Anpassungsleistung auch sehr, sehr unterschiedlich. Und dies ist wirklich unabhängig von den Werten.

A: In Ihrem Beruf spielt also der gesamte Mensch und seine Persönlichkeit eine große Rolle.

R: Ja, versuchen Sie zum Beispiel einmal einen Mensch, der etwas hektisch ist, an ein Gleitsichtglas zu gewöhnen, das ist nicht einfach. Es gibt immer optische Ursachen, aber die Persönlichkeit spielt auch eine ganz große Rolle.

Vertrauen ist Basis

Wenn ich einen Kunden habe, der sich nicht gut betreut fühlt oder sich aus irgendeinem Grund unsicher ist, ob meine Leistung fachlich gut oder nicht so gut war, dann ist fast vorprogrammiert, dass er mit der Brille Probleme hat, egal wie richtig die Brille war.

A: Was meinen Sie: Fachlich oder menschlich nicht gut betreut?

R: Eigentlich geht es ja eher ums Menschliche.  Sie können ja in letzter Konsequenz nicht beurteilen, ob ich es fachlich gut mache oder nicht.

Eine Brille ist ein erheblicher Eingriff in das Leben eines Menschen. Zunächst ist es etwas, was niemand möchte. Das ist emotional.
Wir verändern natürlich etwas positiv, weil Sehen ein großes Stück Lebensqualität ist. Eine Brille fordert auch etwas, sie verändert auch Verhaltensweisen. Sie müssen sich immer auch anpassen an Ihre Brille.

Danke, Herr Renken, für Ihre Zeit und Ihre Einsichten an einem hektischen Freitagmittag!

Die Abbildung zeigt Knospen im frühlingshaften Grün. Durch meine Initiative entsteht in mir Neues und Raum, um anders zu denken und zu handeln.

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