Ziehen im Magen. Ein Gefühl von Enttäuschung. Gehofft hatte ich auf:  „Sieht toll aus“, „Deine Texte berühren mich“. Stattdessen: „Ich finde es spannend, dass du das Bedürfnis hast (dich in die Welt zu äußern über dein Privates.)“

Durchatmen. Danke für deine Anmerkung, liebe B. Sie regt mich an, noch tiefer und anders über mein Warum nachzudenken.

Mut

Mehr als 30 Jahre war ich sehr privat. Noch nicht mal meinen engsten Freunden und Familie habe ich vollauf die Chance gegeben, in Tiefe verstehen zu können. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es nicht konnte. Wie kann ich etwas beschreiben, was ich selbst nie zu sehen gelernt habe? Die Idee, meinen ganz normalen Alltag zu beschreiben, schien absurd.

Ich habe mich durchs Leben gekämpft, es so gut wie möglich verborgen. Ein wenig wie eine Analphabetin, die alles tut, um ihr Geheimnis zu bewahren.

Berufsalltag als Trainerin: Ich bedenke kreative Manieren, damit nicht auffällt, dass ich den Flipchart nur schlecht lesen kann. Ich reise nicht früh vor Veranstaltungen an und koste (mich) daher eine Hotelnacht extra, in Seminarräumen arrangiere ich alles um, damit ich nicht gegen Fenster anschauen muss oder nicht unter einem grellen Licht stehe. Ach, Frau Niesen ist etwas anstrengend. „Ich habe noch etwas anderes zu tun“, „ach, das war bisher auch immer gut“ höre ich nicht nur einmal. Etwas anstrengend, schönes Label. Anstrengend ist es, für mich.

Wieviel Kraft kostet es, etwas, was nicht privat ist privat zu halten, unentdeckt. So tun, als ob. Den ganzen Tag lang.

Natürlich: Es kostet mich großen Mut, es nach außen zu bringen. Denn natürlich fürchte ich hingeworfene Bemerkungen und Unverständnis. Am meisten fürchte ich jedoch in der „die mit den schlechten Augen“-Ecke zu landen.

Warum? Darum.

Im Herbst 2018 schickt die Oogvereinigung (Augenvereinigung) einen Aufruf eines Mitglieds im Newsletter: Menschen mit extremer Kurzsichtigkeit gesucht. Ehrlich? Wir finden statt? Ich merke überrascht, wie Tränen in mir hoch kommen.

Ich telefoniere mit Gerlof, dem Initiator. Ich habe noch NIE zuvor jemanden getroffen mit hochgradiger Kurzsichtigkeit. Wir müssen nicht viel erklären, wir wissen, was der andere meint.

Vor Weihnachten richtet Gerlof eine Facebookgruppe ein für „uns“. Innerhalb von 3 Wochen wächst die Gruppe auf mehr als 80 Mitglieder aus den Niederlanden und Belgien.

Endlich! Endlich bekommen wir Infos, endlich versteht jemand, ohne dass wir erklären müssen, endlich ein Ort, in dem wir „sind“.

Ich will, dass wir uns wiederfinden, denn für uns „dazwischen“ gibt es fast nichts im Netz. Ich möchte Austausch ermöglichen – auch außerhalb einer geschlossenen Gruppe. Ich möchte Brücken bauen auch zu Ärzten und Fachleuten.

Privat hilft nicht. Privat verändert nichts. Privat baut keine Brücken. Darum.

Nicht privat

Es ist nicht privat. Es ist zutiefst persönlich, denn meine Augen gehören zu mir, untrennbar. Wir verlassen immer zusammen das Haus. Weniger privat geht nicht.

Trotzdem verstehe ich den Kommentar. Lange habe ich mich das Gleiche gefragt. Oder anders: Ich fragte mich: Warum fühle ich mich bei dem Gedanken unbehaglich? Angst, ganz deutlich Angst. Angst, mich angreifbar zu machen, Angst vor Ablehnung, Angst vor Stigmatisierung. Irgendwie peinlich, „so was“ nach außen zu tragen.

Moment mal. Was fühle ich da? Es ist peinlich? Ist das nicht gleichbedeutend mit „ich bin peinlich“? Stigmatisierung, weil ein Teil meines Körpers die Erwartungen nicht erfüllt? Stigmatisiere ich mich dadurch nicht selbst?

Das Risiko gehe ich ein. Bewusst. Mir selbst bewusst. Selbstbewusst.

Sehheldin. Der Name kommt nicht von ungefähr.

(Das Bild zeigt eine Sonnenblume, die in Richtung eines strahlend-blauen Himmel wächst. Sichtbar, stolz, einzigartig.)

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