(Auf dem Foto ist ein Bahnhof in Japan mit Schnellzug zu sehen als Symbol für den Beginn der Reise – auch wenn diese sicher länger dauert)

#18: Wie bitte komme ich zur Akzeptanz?

 „Hast du das mit deinen Augen immer noch nicht akzeptiert?“ fragt mich eine Frau in hartem Ton als ich ihr erzähle, wie traurig und geschockt ich bin, dass ich links jetzt einen grauen Fleck in der Mitte sehe und mein Visus auf 0,10 herunter ist. Ursache: Myopische Makuladegeneration.
Ich bin verletzt und wütend.

Die Wut setzt Lebensgeister frei. Das will ich jetzt wissen. Was bedeutet akzeptieren? Was steckt dahinter? Wie komme ich dahin? Was kann ich selbst tun? Ich beginne zu recherchieren.

Was bedeutet „akzeptieren“?

Vorher dachte ich, akzeptieren heißt, gelassen sein, es alles gut zu finden, wie es ist. Aber nein, so ist es nicht! Akzeptieren heißt nicht, es gut finden.

Akzeptieren heißt, das, was ist, als Realität anzuerkennen. Sich nicht mehr dagegen aufzulehnen, den Widerstand aufgeben. Es ist, wie es ist. Das ist die Realität. Das ist meine Realität. Mit aller Traurigkeit und Wut und Kraft, die dazu gehören.

Grundsatz 1:
Etwas akzeptieren, das passiert nicht einfach so. Es ist ein Prozess, mit vielen Schleifen und Stufen. Es ist richtig viel Arbeit, Trauererarbeit. Eine Arbeit, die – so klischeehaft dies auch klingt – niemand anders für mich erledigen kann.

Grundsatz 2:
Wichtig ist,  bewusst einen Entschluss zu fassen: Ich will dies für mich. Ich nehme das Ruder in die Hand.

Das ist gut. Das passt zu allem, was ich jemals in meinen Ausbildungen als Coach und Veränderungsbegleiterin gelernt habe. Ich fühle: Das macht Sinn.

Dabei bleibt es erst einmal. Schon deswegen, weil ich keine Ahnung habe, wie mir dies gelingen kann. Frühere Ansätze in Richtung Veränderung führten bisher entweder ins Leere oder gingen nicht tief genug.

Jetzt handele ich!

Oktober 2018, Monate nach der Diagnose Myopische Makuladegeneration. Ich bin müde. Nachts bekomme ich plötzlich Weinanfälle. Mein Notebook öffnen, um eine Email zu beantworten? Unmöglich. Ich hyperventiliere. Meine Magen- und Bauchschmerzen sind nicht mehr wegzuatmen. Ich bin nie traurig, nie wütend und auch nie wirklich fröhlich.

Das kann selbst ich nicht mehr ignorieren. Ich muss und will endlich etwas tun. Nur was?

Ich weiß: Die besten Lösungen finde ich, wenn ich meinem Bauchgefühl als letzter Instanz vertraue. Tagelang recherchiere und lese ich. Irgendwo stoße ich auf den Satz, der alles ins Rollen bringt:

Wenn du im Überlebensmodus bist, kannst du nicht akzeptieren.

Selbst habe ich es nie so definiert. Jetzt wird mir klar: Seit Jahren bestimmt chronischer Stress mein Leben. Zukunftssorgen und Existenzängste. Seit mehr als 30 Jahren bin ich ständig über meiner physischen Augen-Leistungsgrenze unterwegs. Mal deutlich, mal unterschwellig. Sehr lange ist mein Körper schon im Überlebensmodus. Nun hört mein Körper auf zu funktionieren und sagt: Kümmere dich um deine Seele. Schaffe Raum. Schaffe eine Basis, auf der du aufbauen kannst.

Denn: Wie soll auf nichts etwas entstehen? Wie soll ich geschwächt und überfordert, voller Mut meine Seheinschränkung und alles was dazu gehört akzeptieren lernen?

Unmöglich. Wenn du im Überlebensmodus bist, kannst du nicht akzeptieren.

Ich googele wieder, dieses Mal nach Retreats. In Deutschland und in den Niederlanden, ich habe ja die Auswahl. Ein Stille Retreat, das ist es. Vier Tage lang nicht reden. Ich habe das noch nie gemacht, es flößt mir ein wenig Angst ein und doch spüre ich, das ist gut, das passt.

Nichts ist lauter als die Stille (Stille Retreat)

Nichts ist lauter als Stille. Alles, was ich gekonnt weggedrückt habe jahrzehntelang, kommt an die Oberfläche. Ich weine viel, sehr viel, während meiner ersten Stilleerfahrung. Schrecklich? Nein, eine unglaubliche Befreiung. Alles hier atmet Liebe, die Umgebung ist wunderschön und es gibt genau so viel Begleitung, wie es gut tut. Still und nicht einsam. Still und aufgehoben. Still und befreiend.

Ich kann wieder fühlen! Ich kann wieder atmen! Ich wache auf und denke: Ich habe Lust auf den Tag. Das erste Mal seit langer Zeit. Das ist schön, süchtig macht dieses Gefühl.

Etappensieg

Ich habe den ersten echten Schritt gesetzt in Richtung Akzeptanz. Jetzt bin ich nicht mehr zu stoppen. Ich beschließe: Ab jetzt tue ich alles, was nötig ist. Ab jetzt bin ich Anne, die auch in sich selbst zu ihrer Augenkrankheit steht. Die nicht täglich so tut, als wäre sie 100% gesund. Ein Leben mit meinen Augen, die täglich Schwerarbeit für mich leisten. Nicht mehr gegen sie, nicht mehr gegen mich.

Oktober 2018. Meine Reise hat begonnen mit dieser ersten Etappe.

Etappenziel: Aus dem Überlebensmodus kommen. Es geht weiter, auch nach dem Stille Retreat. Dies ist der Anfang, nicht das Ziel.

Und du?

Liebe Mit-Sehheld*in, für jede_n sieht die Reise anders aus. Für jede_n beginnt die Reise an einer anderen Stelle. Es gibt nicht die „one-fits-all“-Lösung auf dem Weg dazu, zu akzeptieren, dass du etwas für immer verloren hast.

Sicher ist: Du brauchst eine gute Basis in dir selbst, anders geht es nicht.

Vielleicht gehörst zu den Glücklichen, die immer stabil in sich selbst ruhen. Dann hast du die 6 gewürfelt und kannst gleich weiter ziehen.

Wenn nicht: Was ist dein erster Schritt? Was hilft DIR, diese Basis in dir zu schaffen?

Letzte Woche war ich an diesem wunderbaren Ort zum zweiten Mal. Aber dies ist eine neue Geschichte. Ich habe auch noch den (freiwilligen) Verlust von Heimat zu verarbeiten. Das ist auch eine andere Geschichte.

Mein Tipp:
MyMonk. https://mymonk.de/5-dinge-akzeptieren/. (Podcast und Artikel über Akzeptieren und Loslassen)
Alles, was ich bisher gehört habe, hat Hand und Fuß. Keine Marktschreierei, kein „glücklich in 3 Minuten“-Versprechen. Der Stil von Tim Schlenzig ist eigenwillig, manchmal gewöhnungsbedürftig, manchmal vergaloppiert er sich in seinen Bildern. Ich mag das, mit Kanten und Konturen. Eine Empfehlung.

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