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Audio: Was Sportlehrerinnen wissen müssen: Kurzsichtigkeit und Sport oder Ich will Schwimmen!

(Das Foto zeigt Wettkampfschwimmerinnen auf 5 Bahnen)

Liebe Eltern, dieser Artikel ist für euch! Liebe Übungsleiter*innen, dieser Artikel ist für euch! Liebe Jugendliche mit Brillen, die ihr nötig habt, dieser Artikel ist für euch!

Ich will schwimmen!

Ich bin 13 Jahre alt. Ich will schwimmen, nicht im Badesee, sondern so richtig, im Schwimmverein. Im Wasser fühle ich mich wohl, das ist mein Element.
Vermutlich habe ich um die – 14 Dioptrien. (Wir haben keine Aufzeichnungen, es können also auch mehr sein.)

Kinderfotos beweisen es: Anne im Badesee mit Brille auf und mit einer dieser unglaublichen Bademützen aus den 70ern, so mit Plastikblümchen und Noppen. Ich führe stolz (und prustend) meine Brustschwimmkenntnisse vor, ich bin die Schwimmerin der Familie. Das ist ausgemachte Sache. Ich schwimme mit Kopf und Brille über dem Wasser, so habe ich dies gelernt.

Anne im Badesee als Kind, Kopf über Wasser, Brille auf.
Anne im Badesee als Kind, Kopf über Wasser, Brille auf.

Fehlende Information verhindert Erfolgsgeschichte

Erzähle ich hier eine Erfolgsgeschichte? Nein, nicht wirklich.
Hätte es eine werden können? Ja, ganz sicher!
Mit mehr Wissen auf allen Seiten, mehr Flexibilität in der Didaktik und mehr Verständnis. Da bin ich mir sicher, 100%.
(Erzähle ich eine Geschichte von Durchhalten, von Aushalten, von Durchkämpfen? Ja. Absolut.)

Was hat gefehlt zur Erfolgsgeschichte? Eine Spurensuche

(1) Nur ein bisschen kurzsichtig? Nein!

Dioptriesimulator
Für die, die es sich nicht vorstellen können: Der Dioptriesimulator gibt eine Ahnung vom Sehen mit – 9,75 (höher ist er nicht einstellbar) und Astigmatismus.

Haben wir jemals vor meinem Eintritt in den Schwimmverein darüber nachgedacht, dass dann die Ära „Kopf-über-Wasser“ und auch die Ära Schwimmen-mit-Brille vorbei ist? Nein, ich denke nicht. Es gab keine vorbereitenden Gespräche mit Schwimmlehrern, keine Überlegungen, wie das praktisch aussehen kann. Nichts.

Unfassbar für mich aus heutiger Sicht. Völlig normal damals für uns.

Es ist einfach kein Thema. Das Kind hat eine Brille. Keine Krankheit, keine Behinderung, einfach eine Brille. Das Kind will schwimmen, prima. Meine Brille ist Normalzustand. (Dieser Artikel beschreibt den Informationsnotstand zu hochgradiger Kurzsichtigkeit)

(2) Pubertät: Suche nach Identität

Mit 13 bist du auf der Suche nach deiner Identität. Du bist unsicher, nicht mehr Kind und noch lange nicht erwachsen. Es ist ungeheuer wichtig, dazuzugehören und von anderen im gleichen Alter anerkannt zu sein.

Ein Verein ist nicht einfach der Platz, an dem du Schwimmen lernst, er ist so viel mehr. Verein ist auch Gruppe, Dazugehören, sich beweisen, sich selbst kennenlernen.

Natürlich kann ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich damals fühlte, es ist lange her. Ich habe kein Tagebuch geschrieben. Trotzdem haben sich einige Bilder tief eingegraben. Es ist egal, wie wahrheitsgetreu, denn die Psyche geht ihre eigenen Wege.

Donnerstagabend im Schwimmverein

Das Schwimmbad wird einmal in der Woche vollständig vom Schwimmverein belegt. Kinder und Jugendliche aller Altersklassen wuseln durcheinander. Wir sind nach Alter und Können in Gruppen aufgeteilt, eine Bahn gehört einer Gruppe.

Hürde 1: Vorbereitung

Alle lassen ihre Brille im Schrank, ich muss sie aufbehalten, um mich im Schwimmbad zurecht zu finden. Uncool und peinlich. Ich bin 13, ich stehe nicht über den Dingen.

Unpraktisch ist es auch. Es fängt schon beim Duschen an: Wohin mit der Brille? Es gibt keine Ablage. Alles muss schnell gehen, es ist ja kein Freibadausflug. Ich stopfe die Brille in meine Tasche während des Duschens. Dann wieder aufsetzen. Aus den Haaren tropft Wasser. Die Wassertropfen auf der Brille lassen den langen Weg zu „meiner“ Bahn noch länger erscheinen, denn richtig sehen kann ich ihn nicht. Ich hoffe, dass noch ein Mädchen langsamer läuft, dann fällt es nicht so auf.

Hürde 2: Learning-by-Seeing

Wir versammeln uns am Beckenrand. Der Schwimmlehrer macht etwas mit den Armen vor. Ich will mich nicht nach vorne drängeln, um besser zu sehen. Meist meckert dann jemand, weil ich so groß bin. Noch mehr auffallen? Nein, ganz bestimmt nicht. Dann sehe ich eben das, was ich sehe.

Ab und zu wische ich mit den Fingern über meine Brille, um so klar wie möglich gucken zu können. Dann die Brille absetzen und irgendwo verstauen. Auch das ist normal und gleichzeitig peinlich.

Ich bin die einzige, keine Jugendliche trägt Brille im Schwimmbad, ich kann mich jedenfalls an keine erinnern.

Hürde 3: Startblock

Es geht zum Startblock. Chlorbrille auf, damit sehe ich über Wasser noch weniger als ohne.

Info: Chlorbrillen mit Sehstärke
Heute gibt es Schwimmbrillen mit Sehstärke. Allerdings nur bis – 8,0 Dioptrien, wenn ich richtig gegoogelt habe.

Ich bin im Sport kein mutiges Kind. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein äußerst normales Kind. Ich bin groß, früh gewachsen. Wenn ich auf dem Startblock stehe mit meiner Chlorbrille sehe ich verschwommen Wasser unter mir, geradeaus sehe ich mehr oder weniger nichts, verschwommene Gestalten, das Schwimmbad eine undeutliche Masse.

Das ist doch egal, denkst du? Vielleicht, wenn du jemand bist, der sich mal einfach so ins Nichts stürzt. So ein Kind bin ich nicht. Ich bin keine Kinderpsychologin, aber ich vermute, so ein Kind sind die meisten nicht.

Es stimmt: Nicht jedes Kind traut sich diesen Kopfsprung ins Wasser. In meiner Gruppe und im ganzen Schwimmbad trauen sich alle. Ich nicht, unvorstellbar mich kopfüber ins Nichts fallen zu lassen.

Also eben nicht vom Startblock springen, sondern als Einzige vom Rand ins Wasser plumpsen und dann losschwimmen.  
Als einzige! In einem Alter, in dem ich dazugehören möchte, mich beweisen möchte. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich richtig gut schwimmen lernen möchte. Plumpsen, vom Rand aus. Kein guter Start.

Hürde 4: Methodik

Der Schwimmlehrer läuft am Rand mit. Er ruft und zeigt etwas mit seinen Armen an. Ich sehe über Wasser genau – nichts. Oder jedenfalls nicht genug, um damit etwas anfangen zu können. Ich tue das, was ich mir so zusammenreime. Das bin ich ja gewohnt, das mache ich täglich.

Hürde 5: Fehlender Fortschritt

Ich habe Lust, ich will lernen – und hänge doch hinter den anderen hintenan. Sie gehen zur nächsthöheren Gruppe, ich bleibe. Weil ich meine Technik nicht wirklich verbessere und weil ich sowieso keine Wettkämpfe schwimmen könnte ohne Startsprung.

Konsequenzen

Vor gar nicht langem ist mir bewusst geworden: Noch heute zucke ich zusammen, wenn jemand sagt, dass ich gut schwimme. Ja, ich schwimme gut im Vergleich mit Leuten, die nie schwimmen. Ja, ich schwimme gut, im Vergleich mit der Frau neben mir, die eher paddelt. Nein, ich schwimme nicht gut für eine, die jahrelang im Schwimmverein war. Geblieben ist ein Gefühl von Versagen.

Daher: Schluss mit der Unsichtbarkeit von Kindern, die „nur eine Brille aufhaben“!

Ich bin Jugendliche. Ich gehe schwimmen. Einmal die Woche, mindestens.

Es ist nicht schrecklich, es ist normal. Ich kenne es nicht anders. Meine Brille und ich, wir sind ja eine Einheit seitdem ich 2 Jahre alt bin. Dies alles ist meine und unsere Normalität. Niemand hat mich gezwungen. Meine Eltern wollten keinen Schwimmstar aus mir machen. Ich habe nicht bewusst gelitten. Also alles gut?

Nein und nochmals nein!

Solange sich grundsätzlich nichts verändert, darf es nicht normal sein, denn es ist nicht normal. Normal macht unsichtbar. Normal heißt, niemand muss sich extra Gedanken machen. Normal heißt, mitlaufen müssen, immer kämpfen müssen. Normal heißt, keine Didaktik wird angepasst. Nichts wird unternommen, damit ein Kind, das Lust auf Sport hat, diese Lust behalten kann. Nichts wird verändert, um dem Kind oder der Jugendlichen zu signalisieren: Du bist gut! Du machst das klasse! Du gehörst dazu!

Konsequenzen von „normal“

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Welt komplex und eine Verkettung von Umständen ist. Der Schwimmverein war ein Punkt unter vielen mit Einfluss auf mein Selbstbild und meine Persönlichkeitsentwicklung.

Mir ist bewusst, dass ich hier aus subjektivem Erleben argumentiere und nicht auf Grundlage einer jahrzehntelangen Forschungsarbeit – denn die gibt es nicht.

Und doch bin ich sicher: Ich bin nicht die Einzige. So oder so ähnlich erging es vielen.

Ich bin ausserdem sicher: Die meisten erwachsenen Hochmyopen stellen keine Verknüpfung her zwischen diesen sogenannten Normalitäten eines hochmyopen Kindes und ihrem Selbstbild oder ihrem Können. Sie denken: Es ist so. So bin ich eben.

Tief in meine Seele gräbt sich damals ein:

  • Ich bin unsportlich.
  • Die anderen sind besser.
  • Ich bin anders, ich gehöre nicht dazu.
  • Ich bin sichtbar mit meiner Brille und unsichtbar in meinem Mut, meiner Kämpfernatur, meiner Stärke.

Stolz, Traurigkeit und Kämpfergeist

Wenn ich heute an diese starke, tapfere 13jährige Anne denke, fühle ich Stolz.

Wenn ich heute an die jugendliche Anne denke, die so gekämpft und gefühlt doch verloren hat, kommen mir die Tränen und ich möchte sie in den Arm nehmen.

Wenn ich heute an Jugendliche und Kinder denke, denen es ähnlich ergeht, möchte ich unbedingt etwas für sie verändern.

Dies waren die 70er. Ist es heute anders? Ich denke nicht und lasse mich so gerne eines Besseren belehren.

Wie hoch ist das Bewusstsein bei euch, liebe Eltern?
Liebe Übungsleiter*innen und Sportlehrer*innen, welches didaktische Repertoire habt ihr? Wie vermittelt ihr uns hochgradig Kurzsichtigen Freude an Sport?

Interessiert an ersten didaktischen Ideen, wie es doch gehen kann? Diese folgen im nächsten Artikel!

Und wie immer: Kommentiert, teilt mit Eltern, Sportlehrern, Mit-Sehheld*innen, seid dafür oder dagegen.

Eure Anne, die Sehheldin.

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