Podcast: Goodbye and hello oder Abschied vom alten Ich

(Beitragsbild: Time for Change)

18 Jahre, eine lange Zeit. 18 Jahre als selbständige Trainerin, Moderatorin, Coach. Das bin ich, das ist meine Identität.

Seit Jahren schon kostet mich dieser Beruf viel, zu viel. Augen zu und durch. Es ist wie es ist. Die Miete muss bezahlt werden. Ich bin nicht behindert genug für staatliche Unterstützung. Mehrfach mache ich den Versuch, mich zu lösen, es gelingt mir nicht. Ich bin, was ich tue. Ich habe meine Überzeugungen zum Beruf gemacht. Es spricht auch noch so Vieles dafür.

Arbeiten mit Seheinschränkung

April 2017. Makuladegeneration links und weniger Gesichtsfeld rechts. Konkret heißt dies: Links ist das Sehfeld grau, ich sehe ausschließlich am Rand noch etwas. Auch rechts ist das Gesichtsfeld weiter eingeschränkt. Kontrastsehen, Hell/Dunkel-Sehen ist kaum noch vorhanden. Reisen ist nun noch anstrengender, bei großen Gruppen verschwinden Menschen im Grau der Makula und im zerstörten Gesichtsfeld rechts. Mein linkes Auge schmerzt und klopft nach wenigen Stunden. Zu Hause kostet es mich 2-3 Tage bis ich wieder arbeitsfähig bin. Es geht noch, irgendwie, ich bin ja kreativ und geübt. Es kostet mich sehr viel. Zu viel.

Ich mache weiter, so gut es geht. Aber so gut wie ich es schaffe, ist nicht wirklich ausreichend. Mit meinen Augen ist es nicht möglich, mein Unternehmen professionell weiterzuführen. Und doch kämpfe ich mich weiter durch. Hinzu kommt: Versuche, Teilzeitarbeit zu finden schlagen auch fehl, zu schlechte Augen oder zu studiert oder… Ach ja, offiziell sehbehindert bin ich nicht, das heißt, es gibt keinerlei Unterstützung – nicht für Umschulungen, nicht finanziell. Nichts.

Aber dies ist natürlich nicht die ganze Wahrheit.

Abschied vom alten (Berufs-) Ich

You cannot say hello, when you cannot say goodbye.

Plötzlich bin ich sicher: Solange ich weitermache, hänge ich fest. Hänge ich fest in meiner alten Identität, bin ich Teil von Kollegennetzwerken, diskutiere ich mit über internationale Zusammenarbeit, über neue Ansätze und Methodiken. Weil ich weiter dazugehören möchte, weil es mein Leben ist.

Plötzlich bin ich sicher: Wenn ich mich jetzt nicht von dieser Identität verabschiede, wird es keine neue Zukunft für mich geben. Ich hänge fest im Alten. Mein Herz hängt fest in dem, was meine Augen nicht mehr leisten können.

Schlussstrich. Ich muss einen Schlussstrich ziehen. Für meine Zukunft, auch wenn diese noch genauso neblig und undeutlich ist, wie meine Sicht. Welch Glück, dass mein Partner meine Entscheidung mitträgt. Ich kontaktiere alle Netzwerkpartner und Kunden und sage Bescheid, dass ich keine Trainings und Workshops mehr durchführe.

Ja zur Zukunft

Eine Sehheldin. Ich habe für mich eine Wahl getroffen. Die Wahl zwischen Vergangenheit und neuen Möglichkeiten.

Mein Herz ist sich ganz sicher: Es ist gut so. Es ist richtig so. Liebe Zukunft, ich bin gespannt, was du bringen wirst.

You cannot say hello, when you cannot say goodbye.

Liebe Mit-Held*innen, an was hängt euer Herz noch? Wovon möchtet ihr Abschied nehmen? Wovon habt ihr schon Abschied genommen für eure Zukunft?

Ich freue mich auf eure Antworten.

Eure Anne, die Sehheldin

Skip to content
%d Bloggern gefällt das: