oder: Meine Wanderstöcke als Symbol für Verbindung und Verständnis

Warum Wanderstöcke gut für die Beziehung sind – Symbol für Verbindung und Verständnis

Dies ist Teil 2 der Wanderstocktrilogie. Teil 1 findet ihr hier: Nie mehr ohne meine Wanderstöcke – oder was dir Wanderstöcke bei Sehbeeinträchtigung bringen

Teil 2 kommt als ein fiktives Interview. Lest und hört mal rein. (Und nein, ich werde nicht meine Stimme verstellen als Interviewerin).
(I: Interviewerin, A: Anne)

Konkret statt theoretisch

I: Liebe Anne, das ist ja mal eine Behauptung. Wie kommst du denn darauf?
A: Ok, da mache ich gleich einen Rückzieher. Vielleicht nicht für jede Beziehung. So hatte ich gleich dein Interesse, oder? (Lacht)

I: Das stimmt. Aber nun mal Butter bei die Fische oder für Nicht-Norddeutsche: Jetzt rede mal Klartext. Was haben denn deine Wanderstöcke mit deiner Beziehung zu tun?
A: Erinnerst du dich, dass ich im letzten Artikel schrieb: Sobald ich den Stock in der Hand hatte, war alles klar. Es gab keine Fragen mehr?

I: Ja, schon.. A: So ging es meinem Partner auch.

I: Das musst du jetzt schon etwas näher erklären.
A: Bisher habe ich sehr viel erklärt. Versucht, das Unsichtbare in Worte zu fassen. Aber irgendwie führten alle diese Erklärungen offensichtlich nie zu einer Klarheit, zu echtem Verständnis. Das, was viele Erklärungen nicht erreicht haben, war plötzlich nicht zu übersehen: Ich wanderte, fröhlich, zügig und angstfrei. (na ja, fast).

Dadurch konnte er ganz konkret sehen und begreifen, wie schwer es vorher für mich war. Mehr noch: Dadurch wurde deutlich, was ich vorher geleistet habe. – Die gleiche Wirkung hatte dies übrigens auch auf mich. Erst im Vergleich war das Vorher deutlich.

I: Das ist ja toll. Ich verstehe: Er konnte dadurch viel besser erfassen, wie schlecht du siehst, weil das ja nicht sichtbar ist von außen.
A: Ja, das stimmt. Theoretisch ist ja klar, was es bedeutet, Tiefe und Kontraste nicht oder kaum sehen zu können. Aber was dies konkret bedeutet, das ist kaum greifbar. Und das sind ja nur zwei Faktoren von vielen. Es kommen ja noch Gesichtsfeldausfälle, „Streifen“ im Sehen, trockene Augen, Übermüdung durch den großen Unterschied rechts – links hinzu. So unter anderem.

Komplexe Seheinschränkungen kannst nur du einschätzen. Für dein Umfeld bleiben sie unsichtbar und unvorstellbar.

Gemeinsam eingeschränkt

I: Das ist wirklich eine Menge und als jemand mit guten Augen kann ich mir das nicht wirklich vorstellen, da hast du recht. Durch den Vorher-Nachher-Effekt war es ihm jetzt also deutlich, wie krass der Unterschied sein muss. Aber was hat dies mit eurer Beziehung zu tun?
A: Ich vermute, unsere Erfahrungen erkennen andere Mit-Sehheld*innen wieder. Es kann sehr frustrierend sein für Partner. Stell dir vor, du tust dein Bestes. Du versuchst dich einzudenken und zu helfen, aber irgendwie ist es nur selten wirklich gut. Das macht keinen Spaß.

Ich habe seine Hilfsangebote öfter abgelehnt. Ich bin dann zum Beispiel lieber doch den Umweg gelaufen oder stand angststeif irgendwo fest, wo er mit einem kleinen Schritt drüber lief. (Hier muss ich dazu sagen, dass mein Freund außergewöhnlich trittsicher ist).

Dazu kommt noch, dass etwas, was vor einigen Monaten mir noch gut half, heute unter Umständen nicht mehr hilft, weil meine Augen sich ja verändern.
Natürlich hat man dann als Paar auch noch eine Dynamik untereinander, die schön Schwung in die Bude bringen kann.

Unsere Einschränkungen werden automatisch auch zu Einschränkungen für unsere Liebsten.

Das ist die vermeintlich praktische Seite. Was ich nicht vergessen darf: Meine Einschränkungen werden ja auch automatisch zu seinen. Das ist frustrierend, da bin ich sicher.
Gleichzeitig auch ein Tabu: Wer sagt schon laut: „Ich finde es jetzt richtig Mist, dass ich durch dich nicht in meinem Tempo und unbeschwert laufen kann.“

Ich darf über meine Augen meckern und klagen. Aber ein Partner, der sagt: „Deine Seheinschränkung geht mir gerade richtig auf die Nerven“, das ist ein Tabu.

Eingeschränkt Sehen ist unsichtbar, kaum zu erklären, gerade mit so einer komplexen Augenerkrankung wie pathologische Myopie.

Nichts sehen, das können sich Menschen noch irgendwie klar machen. Aber so halb und streifig und…ich verstehe das selbst ja manchmal kaum. Außerdem ist es noch dazu tagesformabhängig.

Ich fände es nur natürlich, wenn dann auch mal Gedanken kommen können wie: „So schwer kann das doch nicht sein. Was stellt sie sich an.“

I: Aber so Dinge kann man doch besprechen.
A: Ja und Nein. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne alles im Detail bespreche. Aber es passiert so viel gerade. Manchmal passt es auch einfach nicht, es schon wieder zu besprechen. Aber natürlich tun wir das auch, immer wieder. Ohne darüber zu sprechen, kann es nicht gehen.

Verlustverarbeitung für alle

Unsere Freunde, unsere Familie, unsere Partner*innen müssen ihren Verlust auch bewusst verarbeiten. Sie sind damit automatisch einen Schritt hinter uns. Gleichzeitig in einer Art Falle: Einerseits wollen sie uns liebevoll begleiten, anderseits sind sie auch Menschen, die gerade einen Verlust erleiden. Sie haben uns ja nicht so kennengelernt.

Kommunikationsfalle

Aber das Tragische war ja: Wir hatten immer wieder Streit, weil ich sehr enttäuscht war und das Gefühl hatte, er hat mir nicht richtig zugehört. Typische Kommunikationsfalle: Ich dachte, ich habe liebevoll ausgelegt, was ich nötig habe und wie er mir helfen kann, aber etwas Anderes kam bei ihm an.  Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er es sich nicht vorstellen kann und deshalb die Information nicht entsprechend verarbeitet.

I: Da hast du Recht. Ich erinnere mich noch an ein Kommunikationstraining. „Kommunikation ist dann gelungen, wenn beim Empfänger das ankommt, was der Sender gemeint hat.“ Ein fast unerreichbares Ziel!
A: Das stimmt. Und es ist gut, dies im Kopf zu haben.

Tieferes Verständnis

I: Wie ist es denn jetzt, mit den Wanderstöcken?‘
A: Das Spannende und Schöne ist: Jetzt geht alles viel einfacher. Ich merke auch in anderen Situationen, dass er plötzlich ein viel größeres Verständnis hat und auch viel besser akzeptieren kann, wenn ich sage: Das macht mir Angst. Oder auch: Ich könnte es, das würde mich aber so viel an Kraft und Energie kosten, ich möchte es gerade lieber so einfach wie möglich.

Sein Verständnis führt in Wechselwirkung dazu, dass ich mich mehr traue. So ist das mit der Dynamik und dem Sich-Verstanden-Fühlen, auf beiden Seiten.

I: Danke, liebe Anne, für deine Offenheit. Ich bin gespannt auf die Kommentare der Leser*innen und Mit-Sehheld*innen.

Was sind eure „Wanderstöcke“? Wie gelingt es euch, gemeinsam mit euren Verlusten umzugehen?

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